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Sich organisieren

Sich alleine für etwas zu engagieren macht auf Dauer keinen Spaß, ist manchmal nicht ganz ungefährlich oder auch gar nicht möglich. Manchmal entwickeln sich Gruppen oder Bündnisse über eine geplante Aktion von selbst, oder ihr überlegt euch eine Gruppe oder ein Bündnis zu gründen, wisst aber noch nicht genau mit wem. Wir möchten euch hier einige Anregungen und Erfahrungen weitergeben, die wir bei der Organisation gemacht haben. 

Gruppen

Am Anfang ist meist der Wunsch, aktiv was machen zu wollen und sich dafür mit anderen zusammenzutun. Ihr schaut euch um und findet nix passendes. Und dann kommt der Gedanke, selber was aufzuziehen, eine »eigene« Gruppe zu gründen. In einer Gruppe macht alles viel mehr Spaß, ihr habt gemeinsam mehr Ideen, könnt mehr erreichen und seid sicherer. Gerade wenn ihr gegen Nazis aktiv werdet ist Sicherheit ein wichtiger Punkt.

Vielleicht habt ihr die Gründung ja auch schon hinter euch, seid schon eine Weile zusammen aktiv und habt Probleme mit eurer Gruppe oder wollt etwas ändern.

Hier ein paar Tipps und Anregungen, worauf zu achten ist:

Gründung

Der erste Schritt sollte sein, nach Gleichgesinnten zu suchen. Allein könnt ihr wenig machen, aber notfalls geht auch das. Dann solltet ihr euch Gedanken über ein Konzept machen, das heißt die Leitlinien der eigenen Arbeit überlegen und die Schwerpunkte, die sich daraus ergeben, was ihr so machen und erreichen wollt.

Zum Beispiel:

Dieses Konzept ist ein kleiner Leitfaden (auch) für euch selber, in den schon viel konkretere Dinge mit rein können (z.B. monatliche Herausgabe einer lokalen Antifa-Zeitung, Aufbau einer Telefonkette, Produktion einer Ausstellung usw.). Eure geplante Arbeit kriegt durch solch ein Konzept erst mal ein eigenes Bild.

Am besten ist es immer, langsam anzufangen, dafür ganz genau zuarbeiten, sich nicht zu übernehmen, sondern realistisch zu bleiben. So hat es z.B. keinen Sinn, schnell mal ein Flugblatt hinzupfuschen, das dann niemanden interessiert, weil sich nicht gewissenhaft um Inhalt, Layout, Druckqualität und Schreibstil gekümmert wurde. Macht euch einen Zeitplan und haltet Euch auch daran. Gerade in den ersten Monaten entscheidet sich für eine Gruppe total viel.

Da muss sehr genau und überlegt vorgegangen werden. Gerade am Anfang muss was passieren, um sich selber zu motivieren und daraus zu lernen, ohne gleich wegen fehlender Erfahrungen Schiffbruch zu erleiden.

Überhaupt das Lernen: Es sollte auf jeden Fall klar sein, dass es bestimmte Umgehensweisen innerhalb der Gruppe gibt, was z.B. Vor- und Nachbereitungen angeht. Dazu gehört die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich selber zu kritisieren oder von anderen kritisieren zu lassen und daraus zu lernen - aus guten und aus schlechten Erfahrungen. Wer schon am Anfang meint, darauf verzichten zu können und sowieso schon alles klar hat, kommt damit erfahrungsgemäß nicht sehr weit.

Die eigene Arbeit beginnt also langsam und gründlich. Wenn Ihr z.B. die erste(n) Flugblattaktion(en) gemacht habt und eine Kontaktadresse drauf hattet, kommen eventuell Reaktionen zurück. Vielleicht melden sich Leute, die bei Euch mitmachen oder Euch unterstützen wollen. Mit denen könnt Ihr dann eventuell weiter zusammenarbeiten. Guckt, wie die Aktion angekommen ist. Seid schlau und baut auf gute Aktionen auf, indem Ihr auf ähnliche Weise mit weitergehenden Inhalten weitermacht.

Ihr solltet Euch einen Aktionsradius stecken, wo Ihr die ersten Monate arbeiten wollt, also nicht unbedingt schon 100 km im Umkreis, sondern erst mal bescheidener. Ihr müsst aufpassen, dass Ihr euch nicht übernehmt oder verzettelt.

Es ist auch hilfreich, ein kleines Archiv anzulegen, in dem besondere Vorkommnisse aus der eigenen Gegend abgelegt werden, um Recherchearbeit zu erleichtern.

Früher oder später solltet Ihr euch nach anderen Gruppen in der Umgebung umschauen. Ihr könnt Euch auch überlegen. Euch an einer überregionalen und vielleicht sogar bundesweiten Struktur zu beteiligen oder selber Strukturen aufzubauen. Wichtig sind solche Kontakte auf jeden Fall. Passt aber auf, da es immer Organisationen gibt, die Euch dann für sich vereinnahmen wollen und z.B. Leute suchen, die ihre Plakate kleben.

Versucht euch in eurer Gegend als eigenständige Gruppe zu »etablieren«, also als ernstzunehmende Gruppe bekannt zu werden. Wenn Ihr erst mal einen eigenen »Ruf« habt, werdet Ihr z.B. politisch ernster genommen, als wenn euch niemand kennt.

Der eigentliche Aufbau einer Gruppe ist eine längerfristige Angelegenheit, da rechnet ihr besser in Monaten als in Tagen. Also noch mal: Lieber langsam eine Gruppe wachsen lassen, genau arbeiten und sich selbstkritisch betrachten, als überstürzt irgendwas zusammenzimmern, was beim ersten Sturm wieder auseinander bricht!

Gruppenstruktur

Meistens ist es ja schon so, dass es in der Gruppe einen/einige »Macherinnen« gibt und der Rest macht im Prinzip alles mit oder sagt höchstens noch was dazu. Das ist aber in mehrerer Hinsicht schlecht. Erstens entsteht eine Hierarchie: Es gibt Leute, die mehr zu sagen haben und andere, die weniger ernst genommen werden. Diese Ungleichheit entspricht aber überhaupt nicht dem Autonomiegedanken, denn alle Beteiligten müssen genauso mitentscheiden können.

Zweitens hält es die anderen Leute in Unselbständigkeit. Wer nichts macht, kann auch keine eigenen Fähigkeiten entwickeln und wird immer auf andere angewiesen sein. Stattdessen sollte es aber so sein, dass möglichst alle auch alle anfallenden Sachen erledigen können.

Drittens hängt die ganze Struktur an einem oder an wenigen Leute. Wenn die mal ausfallen oder rausgehen, bricht die ganze Struktur auseinander.

Eine Gruppenstruktur sollte deshalb von Anfang an so aufgebaut werden, dass zwei Punkte erfüllt sind: Aufteilung der anfallenden Aufgaben auf alle Leute (Arbeitsentlastung) und gemeinsame Verantwortung für alles, was in und von der Gruppe aus passiert.
Für alle muss es die Möglichkeit geben, mitzubestimmen, aber alle sollten auch versuchen, ihrer Verantwortung innerhalb der Gruppe gerecht zu werden.
Was die Gruppenstruktur betrifft, gibt es verschiedene Möglichkeiten, was sich hauptsächlich nach der Arbeit richtet, die sie macht. Auf jeden Fall muss die Struktur der Gruppe vorher festgelegt werden.

Prinzipiell kann in drei Möglichkeiten unterschieden werden: Offene, halboffene und geschlossene Gruppen. Dabei gibt es natürlich auch Probleme, die bei allen drei Arten wichtig sind (neue Leute, Kontinuität u.a.).

Offene Gruppen

Darunter verstehen wir Antifa-Zusammenhänge, die keinen festen Mitgliederkreis haben, sondern bei denen praktisch alle vorbeikommen und mitmachen können, die Lust dazu haben.

Antifagruppen, die ganz offen arbeiten, haben natürlich weniger Schwierigkeiten, Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Sie können beispielsweise ein Cafe einrichten, können ihre Treffen überall bekannt machen und die Leute auffordern, dort hinzukommen. Sie haben es also leichter, mehr Leute zu erreichen.

Der Nachteil dabei ist, dass sie auch leichter zu observieren und zu kontrollieren sind. Wenn bei offenen Treffen jede/r hinkommen kann, wird z.B. für die Polizei oder die Nazis schnell offenkundig, wer da was macht usw., falls sie das Treffen beobachten. Das kann schmerzhafte Folgen haben. Außerdem wird eine solche Struktur gern von parteinahen Gruppen benutzt, um darüber neue Anhängerinnen für sich selbst zu gewinnen. Und nichts ist ätzender, als eine Partei-Antifa, in der andere Leute nichts zu sagen haben. Antifa zu Parteizwecken heißt, dass darin aus taktischen Überlegungen gehandelt wird und es nicht mehr (nur) um die eigentliche Sache geht. Das sollte auf jeden Fall nicht unser Bestreben sein.

Wichtig bei offener Arbeit ist auch die Klärung der Entscheidungen und Verantwortlichkeiten. So ist z.B. das Konsensprinzip (alle müssen bei Entscheidungen einverstanden sein bzw. nichts dagegen haben) bei dieser Struktur sicher nicht das beste. Ein Problem bei offenen Gruppen ist auch, dass viele Leute nur »zum Gucken« kommen, aber nicht verbindlich mitarbeiten wollen. So entsteht schnell die Situation, dass einige was machen und viele sich das nur konsummäßig reinziehen. Andererseits ist so eine Struktur wichtig, damit sich unerfahrene Leute erst mal orientieren können.

Halboffene Gruppen

Im Gegensatz zur offenen Gruppe gibt es hier eine feste Mitgliedschaft und nicht die Möglichkeit, dass sich alle, die Lust haben, einfach reinsetzen können. Die Gruppe entscheidet, wer an den Treffen teilnehmen kann, macht ihre Treffpunkte nicht bekannt, arbeitet aber trotzdem öffentlich. Die halboffene Struktur bietet schon einen größeren Schutz gegen eventuelle Observationen oder Übergriffe feindlich gesinnter Individuen. Informationen aus dem internen Bereich sind für keine anderen Leute außerhalb der Gruppe zugänglich. Die meisten Antifagruppen haben sich für diese Struktur entschieden.

Geschlossene Gruppe

Diese Gruppenstruktur lässt mehr Aktionsspielraum zu, da die MitgliederInnen nicht automatisch so bekannt sind, dass Polizei oder Nazis nur mal rumhören müssen, um sie rauszukriegen.

Geschlossene Gruppen zeichnen sich nach außen vor allem dadurch aus, dass sie möglichst wenig Informationen über ihre eigene Struktur öffentlich werden lassen. Weder Treffpunkte oder -termine werden bekannt gemacht, noch sonstige Informationen. Das bezieht sich natürlich nur auf die Struktur der Gruppe, wobei es aber nicht so weit kommen darf, dass die eigenen Mitglieder Verfolgungswahn kriegen.

Meistens haben die Mitglieder dieser Gruppen eine politisch weitgehend gleiche Meinung, auf jeden Fall sind klare politische Grundsätze und Vorgehensweisen schon eine Bedingung. Wenn sich Leute für diese Struktur entscheiden, haben sie weniger Möglichkeiten zur offenen Diskussion mit Außenstehenden. Gleichzeitig hat die geschlossene Struktur den Vorteil, dass die Leute sich besser kennen und dadurch mehr Vertrauen zueinander kriegen können. Das ist vor allem bei Aktionen wichtig, wo es darauf ankommt, dass sich alle auf die anderen verlassen können.

Die Treffpunkte bei geschlossenen Gruppen sollten möglichst auch öfter mal wechseln.

Allgemeines

Um die Arbeit effektiver zu machen, können in allen drei Gruppenstrukturen Arbeitsgruppen gebildet werden, die sich mit einzelnen Schwerpunkten der Arbeit befassen. Möglich wäre z.B. eine Theorie-AG, die Diskussionen vorbereitet, eine Zeitungs-AG, Finanz-AG usw. Diese können dann einen Arbeitsbereich extra erledigen, dass nicht immer alles Organisatorische auf dem Treffen besprochen werden muss.

Verhalten

In einer Gruppe ist es total wichtig, dass ein grundsätzliches Vertrauen untereinander herrscht. Dieses Vertrauen ist der Grundstock für eine längerfristige gemeinsame Arbeit. Um diesen Grundstock zu erhalten, ist ein menschliches und solidarisches Umgehen untereinander nötig. Probleme zu Hause oder in der Schule sind für die/den Einzelnen meist mindestens genauso wichtig, wie z.B. Probleme mit Faschos. Warum sollen sie also in der Gruppe nichts zu suchen haben?

Die Gruppenmitglieder müssen sich untereinander respektieren. Dazu gehört auch, undurchdacht wirkende Äußerungen Ernstzunehmen und zu diskutieren. Vor allem kommt es darauf an, ein Klima zu schaffen, in dem mensch nicht bei jeder »falschen« Äußerung gleich einen Kopf kürzer gemacht wird, wie es z.B. zwischen »Erfahrenen« und »Neueinsteigern« vorkommen kann. Ihr solltet euch in der Diskussion weiterentwickeln und nicht nur auf die »straighte Linie« gebracht werden.
Allerdings sollte auch nicht künstlich Rücksicht genommen werden, chtet auf ein gleichberechtigtes Verhalten gegenüber den anderen.

Ein wichtiger Punkt sind auch Verhaltensweisen, wie Mackergehabe oder dominantes Redeverhalten, welche typischerweise bei Männern vorkommen, die sich im antifaschistischen Kampf durch rumposen hervortun wollen. Es ist wichtig, dass die Leute in der Gruppe gegen solches Mackergehabe vorgehen, und wenn die Typen gar nicht einsichtig sind, sie auch einfach rausschmeißen.

Bei solchen Dingen - wie auch allem anderen was annervt – solltet ihr keine Hemmungen haben, offen Kritik zu äußern. Denn mit angesammeltem Frust im Bauch resigniert ihr, verändert nix und haltet auch nicht gut zueinander.

Überhaupt gehört zum Vertrauen innerhalb der Gruppe auch, dass ihr offen über eure eigenen Ängste sprechen könnt, ohne deshalb nicht mehr ernstgenommen oder sogar von einzelnen aus der Gruppe ausgelacht zu werden. Angst vor unbekannten Situationen ist ganz natürlich, und wer diese Angst unterdrückt, belügt sich selber. Im Unterbewusstsein ist die Angst trotzdem da, nur dass ihr euch selber unter einen totalen Druck stellt, weil ihr nicht drüber reden könnt.
Es geht z.B nicht darum, möglichst gut abzuhärten. Im Gegenteil: Unsere Stärke sollten wir aus der gemeinsamen Arbeit und den gemeinsamen Erfahrungen miteinander ziehen, nicht aus der Verrohung, und wir sollten gemeinsam lernen, besser mit Gefühlen umzugehen.

Anderen Menschen Schmerzen zuzufügen ist immer Scheiße, und es sollte auch keine Gewöhnung daran eintreten, denn das ist auch ein wichtiger Punkt, in dem wir uns von den Faschisten unterscheiden. Für sie ist Gewalt fester Bestandteil ihrer Ideologie und gehört »natürlich« dazu.

Manchmal ist es wichtig, sich auch mit allen Leuten aus der Gruppe hinzusetzen und nur über sich selbst zu sprechen, also wie das Umgehen miteinander ist, wie die Leute untereinander auskommen, wo es gute oder schlechte Erfahrungen mit der politischen Arbeit gibt, wo was verändert werden muss. Dass nennt sich Selbstkritik, und die ist wichtig, um nicht in eine Routine zu kommen, die sich gar nicht mehr an dem tatsächlich Notwendigen orientiert, sondern am gewohnten Ablauf.

Das Persönliche und das Politische gehört an vielen Punkten zusammen und es sollte auch gemeinsam besprochen werden. Je besser ihr in der Lage seid, das eigene Denken und Handeln zu beobachten, zu kritisieren und zu ändern, um so besser ist das Gefühl untereinander und um so effektiver kann die eigene Arbeit werden. Wer nicht bereit
ist, aus Fehlern zu lernen, wird sie immer wieder machen und daran kaputtgehen. Viele Antifagruppen haben - aufgrund keiner oder nur oberflächlicher Selbstkritik - keine greifbare Perspektive und dementsprechend haben immer weniger Leute Lust, da mitzumachen.
Eine Gruppe die persönlich/menschlich nicht miteinander klarkommt, diesen Bereich ausklammert oder unterschätzt, wird nie zu einer gemeinsamen, kontinuierlichen und erfolgreichen Praxis finden.

Neue Leute

Bei jeder Gruppe werden sich ab und zu Leute melden, die dort mitmachen wollen. Oder aber die Gruppe sucht sogar gezielt nach neuen Mitglieder. Je nachdem, welchen Charakter die Gruppe hat, gibt es natürlich unterschiedliche Herangehensweisen.

Bei einer offen arbeitenden Gruppe, deren Treffen öffentlich bekannt sind, reicht es sicher schon, wenn Leute, die sich melden, mit ihrem Namen und ihrer Adresse bekannt sind und vielleicht im Vorhinein ein Gespräch geführt wurde. Irgendwie müsst ihr ja sehen, dass gleiche oder zumindest ähnliche Vorstellungen über bestimmte Themen vorhanden sind. Auch bei solchen offenen Gruppen ist es wichtig, sich seine Mitstreiterinnen erst mal genauer anzugucken, da gerade solche Gruppen für Spitzel der Polizei oder Nazis leichter zu unterwandern sind.

Besondere Vorkehrungen sind natürlich bei Gruppen nötig, die nicht offen oder halboffen arbeiten und/oder feste Mitgliederstrukturen haben. Da es dort auf Vertrauen untereinander ankommt und manchmal auch schon illegale Sachen vorkommen können (was ihr euch bei offenen Gruppen gut überlegen solltet), ist ein Schutz vor Spitzeln besonders wichtig. Meistens kennen sich die Leute in den geschlossenen Gruppen auch besser, so dass es eventuelle Spitzel viel schwerer haben, sich unerkannt längere Zeit in der Gruppe aufzuhalten.

Wenn sich Leute bei einer Gruppe melden, um dort mitzumachen, sollte es am Anfang immer ein oder mehrere genaue Gespräche geben, in denen die wichtigsten politischen und organisatorischen Fragen geklärt werden und wo die Leute auch etwas mehr von sich erzählen. Schon da zeigt sich meistens, ob der/diejenige vielleicht ganz andere Erwartungen an die Gruppe hat. Außerdem kann bereits auf bestimmte Widersprüche geachtet werden. Zur Not kann die/der neue auch mal überraschend zu Hause besucht oder seine Erzählungen sonst wie nachgeprüft werden.

Es gibt auch viele Leute, die womöglich etwas schwierig sind, weil sie es nicht ganz so ernst mit der politischen Arbeit nehmen. Sie sind vielleicht unzuverlässig, großmäulig, wollen mit ihrer Mitgliedschaft nur angeben usw. Da gab es schon eine Menge schlechter Erfahrungen und die sollten bereits am Anfang berücksichtigt werden. Zumindest in festen Gruppen sollte jede Neumitgliedschaft von allen besprochen und entschieden werden.

Inwieweit eine Gruppe ihren neuen Mitgliedern so was wie eine Probezeit aufdrückt, bleibt natürlich ihr selbst überlassen. Doch wenn es keine grundsätzlichen Vorbehalte gibt, solltet ihr schon auf den Aufbau von Vertrauen untereinander achten und dann auch auf eine Probezeit verzichten.
Das ist auch deshalb wichtig, weil Leute, die neu in eine Gruppe reinkommen, meist erst mal etwas gehemmt sind und sich orientieren müssen, Freundinnen finden wollen und so. Irgendwann war schließlich jede/r von uns schon in dieser Situation und sollte darum auch auf neue Leute freundlich zugehen.

Auf jeden Fall ist immer auf die persönliche Situation des neuen Mitglieds zu achten. Jemand, der/die noch keine oder nicht viel Erfahrung mit politischer Arbeit hat, muss erst mal mit der neuen Situation klarkommen, muss sich langsam eigene Standpunkte erarbeiten und möglichst bewusst in Diskussionen eingebunden werden. Demgegenüber könnt ihr an Leute, die vielleicht schon seit Jahren Politik machen, mit höheren Ansprüchen rangehen. Bewährt hat sich, dass sich jemand persönlich um jemand neues kümmert, ihm/ihr alles zeigt und in die Arbeit einbindet. Aber es sollten auch alle mit allen was machen, damit sich keine Cliquen bilden, in die neue Leute nicht oder nur schwer reinkommen.

Auf jeden Fall solltet ihr aufpassen, dass neue Leute am Anfang nicht überfordert und damit abgeschreckt werden, weil sie dann wahrscheinlich bald wieder verschwinden.

Kontinuität

Je nachdem, wie die Praxis der einzelnen Gruppen aussieht, gibt es auch verschiedene Vorgehensweisen in der Arbeit.

Natürlich besteht immer die Möglichkeit, sich an aktuellen Sachen zu beteiligen (Großveranstaltungen, Kampagnen usw.) und sich dabei zu Verausgaben. Eine eigene und selbstbestimmte Praxis zu kriegen, ist dabei sicher schwierig.

Deshalb ist es sinnvoller, sich auf einige Schwerpunkte zu konzentrieren und dabei auch eine gewisse Kontinuität zu entwickeln. Das kann dann ein Projekt (oder mehrere) wie z.B. eine Zeitung sein, die Arbeit in einem bestimmten Stadtteil oder auch die inhaltliche Arbeit zu bestimmten Themenschwerpunkten, wie Umstrukturierung, Flüchtlinge usw.

Wichtig ist dabei, in dem jeweiligen Bereich regelmäßig was zu machen, dort Erfahrungen zu sammeln und sich auszukennen.

Diese kontinuierliche Arbeit gibt der Gruppe einen festeren Zusammenhalt und verschafft ihr auch ein Profil. Die Arbeit wird außerdem viel effektiver, als wenn immer nur hin- und hergesprungen wird. Kontinuierliche Arbeit und Aktionen zu aktuellen Ereignissen sind aber kein Widerspruch.

Im Gegenteil: Nur wenn die Gruppe in ihrem Bereich Praxis hat, kann sie z.B. verbindlich Aufgaben übernehmen. Das ergänzt sich normalerweise und gibt anderen Gruppen die Gewissheit, dass Ihr Eure Aufgabe aufgrund der Erfahrungen zuverlässig erledigen werdet. Das Zusammenspiel verschiedener Gruppen bei aktuellen Anlässen klappt dann am besten, wenn jede der Gruppen kontinuierlich in ihrem Bereich arbeitet.

Verbindlichkeit

Viele Gruppen scheitern daran, dass es keine verbindliche Arbeit gibt. Treffen fallen aus, weil ein paar Leute keinen Bock haben, Sachen nicht pünktlich erledigt werden und der Rest dadurch gelähmt wird.

Eine effektive Arbeit über längere Zeiträume wird unmöglich, und die gefausteten Leute gehen irgendwann aus der Gruppe raus.

Verbindlichkeit hat weder was mit Spießigkeit, noch mit Autorität zu tun. Wer sich politisch organisieren will, hat den Leuten mit denen er/sie das macht gegenüber eine gewisse Verantwortung. Dazu gehört auch, nur so viele Aufgaben zu übernehmen, wie ihr auch tatsächlich schafft. Jede/r ist natürlich unterschiedlich drauf und deshalb sollten vielleicht auch verschiedene Maßstäbe angesetzt werden: Z.B. sind für eine/n »Unerfahrenere/n« viele Sachen noch viel schwerer als für eine/n »Erfahrenere/n«. Alle Leute sollten aber auch das Gefühl haben, sich auf die anderen verlassen zu können.

Zur Verbindlichkeit gehört auch, einigermaßen pünktlich zum Treffen zu kommen, damit die anderen nicht soviel Zeit mit Warten verbringen müssen oder der/diejenige nicht die Hälfte des Treffens versäumt. Nur die »Mitgliedschaft« in einer politischen Gruppe bewirkt noch nichts. Erst wenn ihr euch selber an der Arbeit beteiligt und einbringt, ist was zu erreichen und es bedeutet darüber hinaus für den Einzelnen/die Einzelne auch weniger Stress und Arbeit.

Natürlich empfindet mensch das als eine Verpflichtung und das ist es auch. Aber im Unterschied zum Gehorsam in der Schule sind diese Regeln für die politische Arbeit da und sie funktionieren auch nur, wenn alle sie wollen. Es ist also eine freiwillig eingegangene Verpflichtung, die aber erst eine effektive und kontinuierliche Arbeit ermöglicht.

Bündnisse

Da ihr eure Inhalte möglichst breit unter die Menschen bringen wollt, Aktionen unter Umständen von vielen verschiedenen Gruppen getragen werden sollen und ihr nicht nur in eurem eigenen Saft braten wollt, halten wir Bündnisarbeit für sinnvoll, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Bündnisse entstehen meist aus einem konkreten Anlass, z.B. faschistische Wahlerfolge, Naziaktionen usw. Dann wird ein bestimmtes Spektrum von Leuten angesprochen, und die setzen sich dann zusammen, um zu überlegen, was gemeinsam zu tun ist. In solchen Bündnissen sind dann meist von linken bis bürgerlichen Antifaschistinnen alle vertreten.

Bündnisse sind eigentlich nur dann sinnvoll, wenn es die Perspektive gibt darin eine gewisse Stärke zu haben bzw. entwickeln können. Wichtig ist es, eigene Vorstellungen einzubringen und diese auch durchsetzen zu können. Es muss eine Vielfalt an Aktivität geben, die auch gegenseitig von den verschiedenen Gruppen akzeptiert werden. Das heißt, dass ihr euch im Bündnis nicht nur darauf beschränkt Mahnwachen, Schweigemärsche oder Gedenkfahrten durchzuführen, sondern durch das Bündnis auch eine Rückendeckung habt, wenn ihr auf die Straße gehen und dort z.B. auch ganz praktisch gegen Faschisten vorgehen wollt. Leider ist aber die Erfahrung in der Regel so, dass sich die bürgerlichen Gruppen eher von den linken distanzieren und sie nur benutzen wollen, um die eigenen Aktivitäten unterstützt zu kriegen. Letztendlich sind die meisten Bündnisse daran gescheitert oder sind rein bürgerliche Bündnisse geblieben.

Zum Umgehen mit Bündnispartnerinnen bei gemeinsamen Treffen:

Wir finden es wichtig, dass ihr euch mit nahestehenden Gruppen noch vor den Bündnistreffen absprecht, was ihr genau wollt und wie ihr das durchsetzen können. Dabei dürft ihr euch nichts vormachen:
Bündnisarbeit ist oft anstrengend und ätzend (nicht nur bei Spaltungsfragen wie Gewalt und ähnlichem) und ihr müsst auch bereit sein Kompromisse einzugehen. Schreckt nicht vor inhaltlichen Diskussionen zurück, nur weil im Bündnis auch Politprofis drin sitzen, die schon viel Erfahrung haben. Lasst Euch nicht einschüchtern, wenn sie lange Reden schwingen und sich »gewählter« ausdrücken. Ihr müsst auch nicht zu jedem Scheiß einen Kommentar abgeben, statt dessen solltet ihr euch über die eigentlichen Punkte im Klaren sein, die selber vortragen werden sollen. Da hat es schon vielen geholfen, sich mal einige Stichpunkte auf einem Zettel zu machen. Ansonsten ist es wichtig, Protokoll zu führen, damit ihr später in der eigenen Gruppe darüber berichten könnt.

Oft stehen im Bündnis auch Entscheidungen an, wo ihr erst in euren eigenen Gruppen nachfragen und diskutieren müsst, ob ihr z.B. irgendeine Aktion gut finden und unterstützen könnt. Ihr seid schließlich alle keine PolitfunktionärInnen, sondern müsst häufig erst mal zu den eigenen Leuten rückkoppeln. Das muss von den anderen Bündnisgruppen auch so akzeptiert werden. Es ist auch gut, verbindliche Ansprechpartnerinnen zu haben, die ihr auch mal zwischen den Bündnistreffen kontakten könnt.

In Bündnissen wird meist viel taktiert und versucht, andere zu benutzen und über den Tisch zu ziehen. Die eigenen Machtinteressen stehen für diverse Gruppen und Parteien an erster Stelle, da sollen Schülerinnen- und Basisgruppen nur ausgenutzt werden. Doch andersrum haben die meisten »honorigen« Organisationen gar keine Basis und sind deshalb auf uns Unabhängige angewiesen, was ihr auch klar als Druckmittel benutzen könnt. Gebt also wichtige Aufgaben nicht einfach aus den Händen, bloß weil Ihr keinen Bock auf noch mehr Arbeit habt.

Ihr müsst euch auch überlegen inwieweit eine Partei eine Bündnis-Demo benutzen will um sich selbst ein Image zu verpassen, was Ihr gar nicht zusteht. Eine Demo gegen Abschiebungen oder unterstützende Jugendarbeit, die von SPD und Grünen mitgetragen wird, ist eine Farce, weil die beiden Parteien durch ihre Politik an der Scheiße selbst beteiligt sind.

Kampagnen

Was ist eine Kampagne?

Eine Kampagne ist die aufeinanderfolgende Durchführung verschiedener politischer Aktivitäten zu einem konkreten Thema.

Merkmale von Kampagnen sind, dass sie:

- Ein eindeutiges Ziel haben: je konkreter und klarer das Ziel ist, umso größer sind die Erfolgschancen

- Ein klares Zielobjekt haben: Wer ist die Institution oder Person, die über unser Ziel zu entscheiden hat? Auf wen müssen wir Druck ausüben?

- Eine klare Zielgruppe haben: Wer interessiert sich für unser Thema und könnte die Kampagne unterstützen?

- Einen klaren Zeitrahmen haben: die Dauer hängt vom Ziel der Kampagne ab – größere Ziele beanspruchen meist mehr Zeit

Eine Kampagne ist sinnvoll, wenn Ihr möglichst viele Leute organisieren oder mobilisieren möchtet und einen stärkeren öffentlichen Druck aufbauen möchtet. Sie bietet andere Aktions- und Bündnismöglichkeiten als sonst und es konzentrieren sich verschiedene Aktionen an einem Thema.

Eine Kampagne durchzuführen heißt, zu einem bestimmten Thema die eigenen (und vielleicht auch andere) Kräfte zu bündeln und Aktionen speziell zu diesem Thema zu planen. Die eigene Arbeit wird also zumindest zum Teil eine Zeit lang auf dieses Thema ausgerichtet, das eine dementsprechende Wichtigkeit haben sollte.

Kampagnen können kurzfristig oder auch langfristig sein, was meist durch das Thema bzw. das Ziel bestimmt wird. Beispiele für kurzfristige Kampagnen sind z.B. die der Autonomen Antifa in Berlin 1986/87: Zerschlagung der rechtsradikalen »Bürgerinitiative Demokratie und Identität«, die nach drei Monaten intensiver und vielfältiger Aktivitäten erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Oder die Kampagne gegen den IWF Ende der 80er Jahre. Langfristige Kampagnen sind beispielsweise die zur Freilassung von Mumia Abu-Jamal oder zur Abschaffung des §218.

Kampagnen sollten von vornherein genau überlegt und geplant werden. Besonders gut können sie dann greifen, wenn sie aus sehr unterschiedlichen Bereichen Unterstützung erfahren.

So ist es nötig, dass bei einer Kampagne - wie beispielsweise gegen den Ausbau eines Flughafens - viele unterschiedliche politische Kräfte zusammenarbeiten, auf ihrer jeweiligen Ebene Druck machen und somit in der Öffentlichkeit Stimmung für oder gegen etwas erzeugen. Wenn es im Parlament immer wieder Anfragen und Anträge dagegen gibt, gleichzeitig Massenaktionen von Bürgerinnen vor oder auf der Baustelle, dann stehen die Verantwortlichen unter einem massiven Druck, der sie zum Reagieren zwingt.

Wie die Erfahrung zeigt, haben die meisten Kampagnen ihr eigentliches Ziel nicht erreicht. Oft gab es auch ab einem bestimmten Punkt Streitigkeiten über die »richtige Linie«, weil einzelne Gruppen die Kampagne für sich selber politisch ausnutzen wollen. Doch gerade die Vielfältigkeit sollte ein Prinzip in der Durchführung von Kampagnen sein.

Ansonsten gilt bei Kampagnen das, was auch bei vielen anderen öffentlichen Aktionen gilt: Ein überlegtes Konzept mit einem klaren Ziel vor Augen, gute Öffentlichkeitsarbeit und sinnvolle Aktionen sind die besten Garanten für eine gelungene Kampagne!

Für noch mehr Infos bietet das apabiz einen Kampagnenworkshop an. Mehr infos findet Ihr dazu unter http://www.apabiz.de/bildung/RefKat/w5.htm